Krankenhaus: Mal Anders!
Es gibt halt auch unschöne Erlebnisse. Auch an denen sollt ihr teilhaben. Ihr kennt mich ja und wusstet ja genau, dass noch irgendetwas in der Richtung kommen muss. Also... hier ist es!
Schmerzen im Brustkorb. Überall. Schon seit dem Aufstehen heute Morgen. Jedoch nicht besonders stark, sodass ich davon ausgegangen bin, ich hätte mich lediglich verlegen. Also stand ich normal auf und fuhr zur Arbeit. Ich schrieb ein paar Zeilen an meinem Computer und plötzlich passierte es. Die Schmerzen wurden immer stärker und nun auch bei jedem kleinen Atemzug vorhanden. Ich schnappte mir einen Motorradfahrer, der mich schnellst möglich ins Krankenhaus brachte. Dort angekommen, kann ich nicht mehr so richtig wiedergeben was passiert ist. Mit Betreten der Ambulanz brach ich halb zusammen, lag dort, bekam keine Luft mehr, da jeder Atemzug ein purer Schmerz war. In dem Moment herrscht nur noch Panik in einem und ich steigerte mich mehr und mehr hinein, was meine Atemsituation kontinuierlich verschlechterte. Ziemlich paradox! Oft habe ich eine solche Situation aus Sicht des Pflegepersonals oder Sanitätsdienstes bereits erlebt und wusste genau, dass ich mich „lediglich“ beruhigen musste. Vereinzelt klappte es, sodass ich meine Sauerstoffsättigung halbwegs aufrechterhalten konnte. Bis heute zweifele ich jedoch sehr an den sozialen und fachlichen Kompetenzen der Schwestern und Ärzte der Ambulanz. Ihr stetiges auf mich einreden löste eher noch mehr Unruhe in mir aus und ich habe sie selber darauf aufmerksam gemacht, mir irgendetwas zur Beruhigung zu spritzen, da ich selber nicht aus dieser Panik heraus kam. Vielleicht besitze ich nicht über die notwendige Notfallkompetenz, jedoch bin ich fest davon überzeugt in einer solchen Situation müsste schneller und effektiver reagiert werden.
Nach einer Gabe Morphium beruhigte ich mich langsam und meine Atemsituation stabilisierte sich, zumindest glaube ich das, da dies ein Part ist, welchen ich nicht mehr so genau in Erinnerung habe.
Richtig zu mir gekommen bin ich erst wieder auf der Intensivstation in Malindi. Sehr viele Menschen, Kabel, Maschinen und Geräusche nahm ich um mich herum wahr. Mein Gastvater und meine Koordinatorin standen an meinem Bett und mein Gastvater hielt besorgt meine Hand. Etwas benebelt wollte ich nach der aktuellen Situation erfragen, wobei mir das reden und atmen überaus schwer fiel. Nach wenigen Minuten erschöpfte ich sehr und ich war traurig, verwirrt, verstand nicht was um mich herum geschah. Erneut schmerzte das Atmen zunehmend, die Luft wurde knapp und ich geriet erneut in Panik. Der selbe Status trat ein. In dieser Phase bekam ich nicht sehr viel mit, nur dass ich mich auf setzte, die Arme nach hinten streckte um der Lunge so viel Platz wie möglich zu lassen. Meine Augen waren aufgerissen und ich hatte eine kurze, klare Sekunde, in der ich begriff was hier grade passierte, wollte mich zusammenreisen und versuchte tiefer und entspannter zu atmen; doch dann sah ich im Augenwinkel den Gesichtsausdruck meines Gastvaters, der voller Angst war. Dieser Gesichtsausdruck nahm mich wiederum so mit, dass ich weinen musste. Aus dem Weinen, wurde schnell ein panisches Schreien und ich schaffte es nicht mehr ruhiger zu atmen oder mich auf irgendetwas zu konzentrieren. Ehrlich gesagt dachte ich in diesem Moment ich würde sterben.
1000 nicht klar zuzuordnende Gedanken kamen in mir hoch. Ich erinnerte mich an die fantastischen letzten Jahre mit all den tollen Menschen die ich kenne; ärgerte mich über die kleinen Streitigkeiten mit Claudia; dachte, ihr nie genug gezeigt zu haben, wie sehr ich sie liebe; dachte an meine Familie, an die kleinen Unstimmigkeiten, welche wir hatten, die jedoch total überflüssig waren; und ganz zum Schluss, kam ein ganz kurzes Glücksgefühl in mir hervor. Ich spürte Zufriedenheit. „Ich habe bisher erreicht, was ich unbedingt erreichen wollte. Ich habe bisher gemacht, was ich unbedingt machen wollte. Auch wenn nicht alles richtig und gut war, ich auch vieles verpasst habe und vieles noch machen wollte, bin ich hier und jetzt vollkommen zufrieden!“ Erst jetzt wo ich das nieder schreibe, wird mir klar was für ein Glück ich doch habe, genau so etwas in so einer Situation spüren zu können.
Eine weitere Ladung Morphin brachte mich wieder in eine leichte Traumwelt und stabilisierte meine Atmung, auch wenn meine Sauerstoffsättigung, trotz Sauerstoffzufuhr, etwas nachhing. Meine Allgemeinsituation veranlasste die Ärzte zu der Entscheidung mich nach Mombasa auf die Intensivstation zu verlegen. Unvorstellbar, aber auch dies war mit Wartezeit verbunden! 2 Stunden. In dem Moment wäre ich fast Amok gelaufen, weil ich es einfach nicht begreifen konnte, wie in solch einer Notfallsituation, die Organisation eines Transports so unfassbar lange dauern kann. Etwas Gutes hatte es im Nachhinein dann aber doch. Jan, Hannah und Jasmin kamen noch zu Besuch um nach mir zu schauen. Ich bin sehr froh darüber noch stärker vertraute Personen in dieser Situation gesehen zu haben. Na klar war die erste Person, die zu verständigen war, mein Gastvater. Darüber habe ich mich auch sehr gefreut, jedoch hat man zu seinen Freunden einfach nochmal einen ganz anderen Bezug als zu seiner Gastfamilie. Zumindest geht mir das so. Dafür hatte mein Gastvater bereits alles organisatorische geregelt. Meine Organisation in Kenia und Deutschland wussten bereits Bescheid. Die Versicherung in Deutschland wusste ebenfalls Bescheid und hatte schon in Malindi versucht Kontakt mit mir aufzunehmen.
Dann ging plötzlich alles ganz schnell. Ich wurde auf eine Trage verfrachtet, meine Atmung begann wieder instabiler zu werden und dann lag ich da im Krankenwagen. 1000 Menschen standen um den Krankenwagen herum, hörten mich aus dem Krankenwagen nach Luft schreien und wir fuhren los. Eine weitere Dosis Morphium und ich schlummerte ein. Die Fahrt habe ich so gut wie gar nicht mitbekommen. Nur das Ende. An dem ging es mir noch einmal ziemlich bescheiden. Dieselbe Situation wie zuvor, nur dass ich nun auf der Intensivstation in Mombasa lag. Wieder viele Menschen, viele Kabel, viele Geräusche. Erneut riss ich meinen Oberkörper auf und rang nach Luft; die Augen weit aufgerissen; im Blickwinkel meinen Gastvater, wieder mit einem unvorstellbar erschrockenen Gesichtsausdruck und wieder dieses unfassbare Angstgefühl, welches sich einfach nicht in Worte fassen lässt. Mehrere Medikamente wurden appliziert und ich merkte wie mir ganz duselig wurde. Ich konnte Wortfetzen wahrnehmen, wie „Sauerstoffsättigung unter 90%; Intubation“ und ich hörte ängstliche Schreie und weiß bis heute nicht wo sie her kamen. Danach war ich weg. Es kam mir vor wie ein langer Traum, wobei es anscheinend nur 1 Minute war. Ich wachte auf und alles um mich herum kam mir plötzlich einfach nur noch ruhig vor. Ich atmete entspannt, die Gesichter der Menschen waren entspannter, nur mein Gastvater war verschwunden. Ich hatte einfach nur noch das Bedürfnis zu schlafen. Das galt nicht nur für den restlichen Tag, sondern auch für die kompletten 3 Tage darauf. Ich wurde zugedröhnt mit Opioiden, ergänzenden Schmerzmitteln und weitere zum Entspannen der Muskulatur. Herz und Lunge sind vollkommen funktionsfähig. Die Enddiagnose ist nun eine Pleuritis, also eine Entzündung der Haut, welche Lunge und Brustkorb verbindet, zudem wird wohl die Muskulatur, welche sich zwischen den Rippen befindet mit angegriffen sein.
Nun nach ein paar Tagen Intensivstation und weiteren Tagen auf der „normalen“ Station geht es mir langsam wieder besser. Mir fällt es noch etwas schwer mich auf den Beinen zu halten, da mich die Medikamente doch noch etwas umhauen und auf den Kreislauf gehen. Nach langen Gesprächen oder kürzeren Spaziergängen merke ich auch noch leichte Schmerzen, was aber fast nicht mehr erwähnenswert ist. Zudem schaffe ich es nun länger als 4 Stunden am Stück wach zu bleiben, auch wenn dies mal mehr und mal weniger aktiv geschieht. Aber mir geht es gut!!! Und das ist die Hauptsache. Was ich genau hier und am Liebsten noch ganz häufig erwähnen möchte, dass ich mich (außer in den ersten Minuten, in der Ambulanz in Malindi) zu jeder Zeit perfekt betreut gefühlt habe. Fachliche als auch soziale Kompetenz sind hier mindestens genauso ausgeprägt wie in Deutschland auch. Die medizinischen Gerätschaften sind vereinzelt sogar auf einem neueren Stand als in Deutschland, womit sich zumindest für mich jeder weitere Zweifel erledigt.
Eine weitere Erfahrung, welche ich mir selber sehr gerne erspart hätte, jedoch auch wieder komplett neue Gedanken in mir ausgelöst hat und mich noch einmal tiefer in vieles, vor Allem mich selbst hat blicken lassen.